Pro und Contra
Santa Maria wächst. Neue Hotels und Ferienanlagen entstehen oder sind geplant, immer mehr Urlauber kommen nach Sal. Das sorgt für Streit. Die einen halten das für eine Erfolgsgeschichte: Tourismus schafft Arbeit, Einkommen und neue Möglichkeiten. Andere sind empört und fürchten, dass die Insel ihren Charme und ihre Ursprünglichkeit verliert. Für sie entsteht auf Sal „Malle 2“ – nur in Westafrika.
Sal Daily hat zwei deutsche Urlauber zum Streitgespräch gebeten. Herausgekommen sind zwei sehr persönliche Meinungen und Eindrücke – keine Position der Redaktion.
Pro: Ein bisschen Mallorca schadet Sal nicht

Von Jörg Fischer, Studienrat, 50, zum ersten Mal auf Sal
Ich bin mit gemischten Gefühlen angereist. Man liest ja viel über Massentourismus, und als Lehrer bin ich es gewohnt, erst einmal skeptisch zu sein. Gefunden habe ich eine Insel, die vom Besuch lebt, und zwar sichtbar besser, als ich erwartet hatte.
Am zweiten Tag saß ich am Pier von Santa Maria und sah den Fischern zu. Ein paar Meter weiter lagen Urlauber am Strand, Restaurants waren gut besucht, Händler verkauften ihre Sachen. Natürlich ist das Tourismus. Aber warum soll das grundsätzlich etwas Schlechtes sein?
Ich kenne Mallorca aus vielen Urlauben. Auch dort wird gern so getan, als bestünde die ganze Insel aus Ballermann, Bettenburgen und Sangria. Das stimmt genauso wenig wie die Vorstellung, Sal müsse zwangsläufig seinen Charakter verlieren, nur weil mehr Menschen kommen.
Was mich hier überrascht hat: Santa Maria wirkt trotz der vielen Hotels noch immer wie eine richtige Stadt. Man begegnet Einheimischen, geht in kleine Geschäfte, sieht Kinder auf dem Schulweg und Fischer am Strand. Touristen und Alltag existieren nebeneinander.
Natürlich verändert der Tourismus die Insel. Aber Veränderung ist nicht automatisch Verlust. Hotels schaffen Arbeitsplätze. Restaurants, Taxis, Geschäfte und Ausflugsanbieter leben von Gästen. Und wenn bessere Straßen, eine zuverlässigere Versorgung oder neue Angebote entstehen, profitieren davon nicht nur Urlauber.
Vielleicht braucht Sal deshalb weniger Angst vor Mallorca und mehr Selbstbewusstsein. Man kann aus den Fehlern anderer Urlaubsregionen lernen, ohne deren Entwicklung komplett abzulehnen.
Ein bisschen mehr Mallorca – im Sinne von guter Infrastruktur, Auswahl und wirtschaftlichen Chancen – würde Sal aus meiner Sicht jedenfalls nicht schaden.
Contra: Sal verliert gerade, was es besonders macht

Von Ariane Klöck, Verkäuferin, 25, regelmäßige Sal-Besucherin
Ich komme seit Jahren nach Sal, und jedes Mal fällt mir mehr auf, was fehlt. Nicht, weil ich Veränderung grundsätzlich ablehne. Aber es scheint, als gäbe es keine Grenze mehr, an der jemand sagt: bis hier und nicht weiter.
Früher hatte ich einen Lieblingsplatz am Strand, ein Stück abseits, wo man mittags fast allein war. Heute steht dort ein Bauzaun. Das kleine Café, in dem ich jedes Jahr meinen Kaffee getrunken habe, gibt es nicht mehr. Die Besitzerin, mit der ich mich immer lange unterhielt, konnte die Miete nicht mehr zahlen. Heute arbeitet sie, so hat man mir erzählt, in einem der Hotels.
Im letzten Sommer war ich nachts bei einer Schildkrötenbeobachtung dabei. Eigentlich ein magischer Moment. Aber mit uns standen Dutzende Menschen mit Handylicht am Strand, manche liefen den Tieren fast hinterher. Ich habe mich geschämt, ein Teil davon zu sein.
Ich weiß, dass viele Menschen auf Sal vom Tourismus leben, und ich will niemandem die Arbeit absprechen. Genau deshalb macht es mir Sorgen, wenn er schneller wächst als alles andere: als Wohnraum, Wasserversorgung und Müllentsorgung. Wer nur Betten zählt, übersieht, dass die Menschen, die dort arbeiten, irgendwo wohnen müssen. Als Verkäuferin kenne ich das Gefühl, dass der Lohn kaum mit den Preisen mithält. Ich möchte nicht, dass es den Menschen hier ebenso geht.
Auch auf den Straßen merkt man es. Der Verkehr nimmt zu, Quads und Mietwagen drängen sich durch Santa Maria, und abends ist es an manchen Ecken so laut, dass die Anwohner kaum schlafen können. Eine ältere Nachbarin meiner Stammunterkunft sagte mir einmal, sie erkenne ihren Ort kaum wieder.
Mallorca zeigt, was passiert, wenn man zu spät bremst: volle Strände, Streit um Wohnungen, Proteste. Ich wünsche mir für Sal, dass man aus diesen Fehlern lernt, bevor sie wiederholt werden. Eine Grenze zu ziehen ist kein Angriff auf den Tourismus. Es wäre der Versuch, die Insel zu schützen, wegen der wir alle herkommen.
Ist der wachsende Tourismus eine Chance für Sal – oder droht Santa Maria irgendwann zu viel von seinem eigenen Charakter zu verlieren?
Wir möchten eure Erfahrungen und Meinungen hören. Wie hat sich Sal aus eurer Sicht verändert? Was ist besser geworden, was schlechter? Und wo wäre für euch die Grenze erreicht?
Schreibt es in die Kommentare. Unterschiedliche Meinungen sind ausdrücklich erwünscht.
Die beiden Beiträge geben die persönliche Meinung ihrer jeweiligen Autoren wieder und nicht die Position der Redaktion.

