Sals ungleicher Boom – Wenn das Paradies unbezahlbar wird

Hotels, Ferienwohnungen und neue Tourismusprojekte treiben Sals Wirtschaft an. Gleichzeitig wird Wohnraum für diejenigen knapp, die in Hotels, Restaurants und im Service arbeiten. Die Gemeinde versucht nun, Tourismusunternehmen selbst am Wohnungsbau zu beteiligen.

Santa Maria / Espargos – Sal wächst. In Santa Maria entstehen neue Hotels und Apartmentanlagen, bestehende touristische Flächen werden weiterentwickelt, und Ferienwohnungen sind längst ein wichtiger Teil des Marktes. Doch der Boom hat eine Kehrseite: Für viele Menschen, die auf der Insel arbeiten, wird es immer schwieriger, eine bezahlbare Wohnung zu finden.

Bürgermeister Júlio Lopes bezeichnete die Wohnungsfrage Ende August sogar als das derzeit „größte Problem“ der Insel. Besonders angespannt sei die Lage in Santa Maria. Für Kapverdier sei es dort extrem schwierig, überhaupt noch eine Wohnung zum dauerhaften Wohnen zu finden. Nach Angaben des Bürgermeisters steigen die Mieten stark, und der Druck erreicht zunehmend auch Espargos.

Als einen Grund nennt Lopes neben dem touristischen Wachstum ausdrücklich die starke Zunahme kurzfristig vermieteter Ferienwohnungen. Wohnungen, die früher langfristig vermietet wurden, wechseln in den touristischen Markt – weil dort höhere Einnahmen möglich sind.

Wenn Hotelangestellte keine Wohnung mehr finden

Das Problem trifft ausgerechnet diejenigen, auf deren Arbeit der Tourismus angewiesen ist: Beschäftigte in Hotels, Restaurants und touristischen Dienstleistungen.

Im März starteten die Câmara Municipal do Sal und Unternehmen der Tourismusbranche deshalb das Programm „Apoio à Construção Controlada“. Es soll Beschäftigten den Zugang zu Wohnungen zu kontrollierten Kosten erleichtern und zugleich Unternehmen helfen, Arbeitskräfte dauerhaft auf Sal zu halten.

Das Modell ist ungewöhnlich: Die Gemeinde stellt den beteiligten Hotelunternehmen Grundstücke, die ihr vom Staat übertragen wurden, zu Kosten von null zur Verfügung. Die Unternehmen sollen darauf Wohnungen für ihre Beschäftigten errichten.

Zusätzlich sieht das Programm vergünstigte Kreditzinsen sowie die Befreiung von Zollabgaben beim Import von Baumaterialien vor.

Zu den zunächst genannten Partnern gehören Oásis Atlântico, das Hotel Odjo d’Água und APROTUR, die Vereinigung von Unternehmen aus Tourismus, touristischem Transport und Dienstleistungen auf Sal.

Wie groß der Druck inzwischen ist, machte António Lobo vom Hotel Odjo d’Água bei der Vorstellung des Programms deutlich. Viele Beschäftigte drohten ihre Wohnungen zu verlieren, weil langfristig vermietete Apartments in kurzfristige Ferienunterkünfte umgewandelt würden. Gleichzeitig seien die im Tourismussektor gezahlten Einkommen mit den Preisen auf dem privaten Mietmarkt kaum noch vereinbar.

Das Problem wandert nach Espargos

Die Wohnungsnot bleibt deshalb nicht auf Santa Maria beschränkt.

Wer sich die Mieten im touristischen Süden der Insel nicht leisten kann, sucht zunehmend Wohnraum in Espargos und den umliegenden Vierteln. Bereits im vergangenen Jahr wurde im Kommunalwahlkampf darauf hingewiesen, dass im Norden von Espargos besonders viele Menschen wohnen, die in den Hotels von Santa Maria arbeiten.

Weite Stadtansicht von Espargos auf Sal
Espargos wächst mit dem Tourismusboom auf Sal. Weil Wohnraum in Santa Maria knapp und teuer ist, nimmt der Druck auch im Inselinneren zu. Foto: Daniel Åhs Karlsson / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Die Insel versucht seit Jahren gegenzusteuern. In sehr armen Vierteln Espargos wie Alto São João und Alto Santa Cruz laufen Programme zur Umsiedlung von Familien aus prekären Unterkünften. Nach Angaben der Gemeinde entstanden in einer ersten Phase seit 2016 insgesamt 625 Wohnungen. Im Mai 2025 übernahm die Câmara die Verantwortung für die zweite Phase des Umsiedlungsprogramms.

Doch der Druck auf den Wohnungsmarkt bleibt.

Kritik kommt von der Opposition – und aus dem eigenen Lager

Wie politisch brisant die Wohnungsfrage inzwischen ist, zeigte sich bei der feierlichen Sitzung zum Insel- und Gemeindetag am 15. September.

Die oppositionelle PAICV kritisierte die Wohnungspolitik der MpD-geführten Stadtverwaltung. Fraktionschefin Estregilda Oliveira stellte die Frage, warum der wirtschaftliche und touristische Erfolg Sals bei vielen Einwohnern nicht entsprechend ankomme. Sie warf der Verwaltung unter anderem Defizite bei der Bereitstellung von Grundstücken und bei der Förderung von Wohnungsbau vor. Außerdem kritisierte sie die Folgen von Immobilienspekulation und touristischer Kurzzeitvermietung.

Auch die UCID stellte das Entwicklungsmodell der Insel infrage. Ihr Vertreter Hélder Varela verwies auf Probleme bei Wohnraum, Umwelt und Sicherheit. Wirtschaftliches Wachstum und neue Arbeitsplätze müssten seiner Auffassung nach mit einer Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung einhergehen.

Bemerkenswert ist allerdings, dass die Warnungen nicht nur von der Opposition kommen.

Nuno Lopes, Präsident der Assembleia Municipal und wie Bürgermeister Júlio Lopes Mitglied der MpD, warnte vor einer Entwicklung Sals mit „zwei Geschwindigkeiten“. Wirtschaftliches Wachstum müsse mit sozialem Wohnungsbau, der Beseitigung informeller Siedlungen und bezahlbaren Mieten verbunden werden.

Damit wird die soziale Kehrseite des Tourismusbooms inzwischen auch innerhalb des politischen Lagers thematisiert, das die Insel regiert.

Bürgermeister Júlio Lopes reagierte seinerseits auf einen Teil der Kritik mit dem Hinweis auf unterschiedliche Zuständigkeiten. Nicht alle Probleme könnten von der Kommune gelöst werden. Bei großen Infrastrukturaufgaben seien auch die Zentralregierung und die zuständigen Versorgungsstrukturen gefordert.

Das betrifft einen entscheidenden Punkt: Neue Wohnungen allein lösen das Problem nicht. Neue Wohngebiete benötigen Straßen, Wasser, Abwasser und Strom.

Der PDM soll das Wachstum ordnen

Eine wichtige Rolle könnte deshalb die derzeit laufende Überarbeitung des Plano Director Municipal (PDM) spielen, des kommunalen Flächennutzungs- und Entwicklungsplans.

Nuno Lopes bezeichnete ihn als eine Art Kompass für ein intelligentes Wachstum. Der Plan solle Investitionen nicht verhindern, sondern wirtschaftliche Entwicklung, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit miteinander verbinden.

Darin liegt die eigentliche Herausforderung für Sal. Der Tourismus schafft Arbeitsplätze, Investitionen und Einkommen. Gleichzeitig erhöht sein Wachstum den Druck auf Boden, Wohnungen und Infrastruktur.

Das neue Wohnungsbauprogramm ist ein Versuch, beide Seiten miteinander zu verbinden: Unternehmen, die vom Tourismusboom profitieren und Arbeitskräfte benötigen, sollen sich zugleich an der Lösung der Wohnungsfrage beteiligen.

Ob daraus in größerem Umfang tatsächlich bezahlbare Wohnungen entstehen, wird sich erst zeigen. Die Partner sind benannt und das Modell ist vorgestellt. Entscheidend wird nun sein, wie viele Wohnungen tatsächlich gebaut werden, wo sie entstehen, was sie kosten und wer sie beziehen kann.

INFOBOX: „Apoio à Construção Controlada“

Was ist das?
Ein gemeinsames Wohnungsbauprogramm der Câmara Municipal do Sal und Unternehmen aus der Tourismusbranche. Es wurde im März 2026 vorgestellt.

Was ist das Ziel?
Wohnraum zu kontrollierten Kosten schaffen und insbesondere Beschäftigten der Tourismuswirtschaft ermöglichen, dauerhaft auf Sal zu leben.

Was stellt die Gemeinde bereit?
Für das Programm vorgesehene und vom Staat übertragene Grundstücke werden den beteiligten Unternehmen zu Kosten von null zur Verfügung gestellt.

Welche weiteren Vergünstigungen sind vorgesehen?
Vergünstigte Kreditzinsen sowie Befreiungen von Zollabgaben beim Import von Baumaterialien.

Wer beteiligt sich bislang?
Genannt wurden Oásis Atlântico, Hotel Odjo d’Água und APROTUR.

Warum gibt es das Programm?
Der Tourismusboom und die zunehmende kurzfristige Vermietung von Wohnungen haben den Druck auf den Wohnungsmarkt stark erhöht. Besonders in Santa Maria ist langfristig bezahlbarer Wohnraum knapp.

Was ist noch offen?
Öffentlich nicht ausreichend geklärt sind bislang unter anderem die Gesamtzahl der Wohnungen, konkrete Standorte aller Projekte, Miet- beziehungsweise Kaufpreise, Vergabekriterien und der genaue Zeitplan.

Quellen

  • Inforpress, 17. März 2026: Wohnungsbauprogramm von Câmara und Tourismussektor.
  • Inforpress, 31. August 2026: Wohnungsfrage als zentrales Problem der Insel.
  • Inforpress, 15. September 2026: Sitzung zum Município do Sal und Stellungnahmen von Câmara, Assembleia Municipal, PAICV und UCID.
  • Inforpress, 15. Mai 2025: zweite Phase des Umsiedlungsprogramms auf Sal.

Hinweis der Redaktion: Bei Recherche und redaktioneller Bearbeitung dieses Beitrags wurde künstliche Intelligenz unterstützend eingesetzt. Quellen und Angaben wurden redaktionell geprüft.

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