90 Minuten vor einem Halbfinale um die kapverdische Frauen-Meisterschaft: verrammeltes Stadion, keine Fans, keine erkennbare Kasse. Trotzdem wurde daraus einer meiner ungewöhnlichsten Fußballnachmittage auf Sal – mit einer einseitigen Liebesgeschichte, einem Ghettoblaster und zwei Würsten mit Folgen. Und für alle, die selbst einmal hinwollen: Wir zeigen, wo und wie man auf Sal Fußball erleben kann.
In diesen Tagen wird Sal für drei Tage zu einem Zentrum des afrikanischen Fußballs. In Santa Maria treffen sich die Präsidenten der 54 afrikanischen Fußballverbände mit Nationaltrainern und internationalen Experten. Es geht um die Zukunft des Fußballs auf dem Kontinent. Mit CAF-Präsident Patrice Motsepe, FIFA-Präsident Gianni Infantino und Arsène Wenger werden prominente Namen erwartet, die weit über Afrika hinaus bekannt sind.
Wer wissen will, wie sich Fußball auf den Kapverden tatsächlich anfühlt, muss allerdings nicht zu diesem Kongress gehen.
Denn auch auf Sal liegt die Fußballwahrheit auf dem Platz. Im Frauenfußball wurden im August 2025 die Endrunde der nationalen Meisterschaft ausgespielt.

Ich wollte damals in Espargos das Halbfinale des Turniers sehen: Seven Stars aus Praia gegen Real Sociedade aus São Vicente.
Wir waren 90 Minuten vor dem Anpfiff am Estádio Marcelo Leitão. In Deutschland wäre ein Halbfinale um eine nationale Meisterschaft inzwischen auch im Frauenfußball eine größere Sache. Fans würden anreisen, irgendwo wären Fahnen und Vereinsfarben zu sehen.
In Espargos: nichts.
Das Stadion wirkte verrammelt. Keine Fans. Keine Fahnen. Keine erkennbare Kasse. Vor dem Stadion stand nur ein Mann in einer gelben Weste. Was genau seine Aufgabe war, weiß ich bis heute nicht. Aber er bestätigte immerhin, dass hier tatsächlich gleich Fußball gespielt werden sollte.
Ohne ihn wären wir wahrscheinlich wieder gegangen.
Also warteten wir. Und warteten. Es war heiß. Mein kapverdischer Freund ging irgendwann Getränke holen. Wahrscheinlich auch aus Langeweile.
Und irgendwann stellte sich eine ziemlich grundlegende Frage: Wie kommt man eigentlich in dieses Stadion?
Dann tauchte tatsächlich jemand auf.
Ein Mann.
Der Kassierer.
Er verschwand in einer kleinen Vertiefung seitlich des Stadions, die sich als Kasse entpuppte. Für ungefähr zwei Euro bekamen wir unsere Eintrittskarten.
Fans waren allerdings immer noch keine da.
Egal. Wir durften endlich rein.

Nach und nach kamen ein paar Zuschauer. Vielleicht 20 oder 30. Für ein Halbfinale um die Landesmeisterschaft waren es erstaunlich wenige.

Vor dem Anpfiff stellten sich die Spielerinnen vor der Tribüne auf, winkten und begrüßten die wenigen Menschen, die gekommen waren.
Während sich die Zuschauer auf der Tribüne beinahe zählen ließen, wurde dieses Halbfinale im Radio mit der Selbstverständlichkeit übertragen, die einem wichtigen Fußballspiel gebührt.
Irgendwo auf den Kapverden saßen Menschen am Radio und wollten wissen, wer ins Finale einziehen würde.
Meine Mannschaft
Auf der einen Seite Seven Stars aus Praia, eine der etablierten Adressen im kapverdischen Frauenfußball. Auf der anderen Real Sociedade aus São Vicente – der Underdog.
Real Sociedade hatte sich zäh und mutig durch die Vorrunde gespielt und stand nun tatsächlich im Halbfinale.
Eigentlich schon eine ziemlich gute Geschichte.
Für mich war es noch eine andere.
Denn Real Sociedade war meine Mannschaft.

Und das hatte zunächst weniger mit Fußball zu tun. Meine kleine Liebesgeschichte mit diesem Verein hatte ein paar Tage vorher begonnen.
Wir wohnten in diesen Wochen mitten im Zentrum von Santa Maria, dort, wo die Taxen stehen und die Menschen auf dem Weg zum Pier vorbeikommen. Unser Balkon war unser verlängertes Wohnzimmer. Gegenüber liegt das Hotel Nha Terra.
Eines Tages zog dort eine ganze Schar junger Frauen ein. Alle im Trikot und sichtlich aufgeregt.
Ich wurde neugierig.
Also ging ich – möglichst unauffällig – vor dem Hotel spazieren und versuchte herauszubekommen, was auf den Trikots stand.
Real Sociedade.
Von da an war auch ich im Fußballfieber.
Wenn die Frauen zu einem Spiel fuhren und gewannen, freute ich mich mit ihnen. Großartig fand ich, wie sie vor dem Hotel, mitten in der Fußgängerzone, schon ihre Jubelgesten für die nächsten Tore einstudierten. Verloren sie, war ich mit ihnen traurig.
Ich kannte keine einzige Spielerin persönlich. Und sie kannten mich definitiv nicht.
Ich hatte ihnen sogar über Facebook geschrieben, viel Glück für die nächsten Spiele gewünscht und erzählt, dass ich direkt gegenüber von ihrem Hotel wohnte.
Keine Reaktion.
Meiner Begeisterung tat das erstaunlicherweise keinen Abbruch. Die Beziehung war also ausgesprochen einseitig.
Kurz gesagt: Ich hatte mein Herz an dieses Team verloren. Ich war Fan geworden.
Und nun stand ausgerechnet Real Sociedade im Halbfinale der Landesmeisterschaft in Espargos.
Natürlich musste ich da hin.
Plötzlich Fußballfest
Dafür kam die Mannschaft ins Stadion, die erst später am Abend das zweite Halbfinale spielen sollte.
Und sie brachte ihre Stimmung gleich mit.
Einer der wichtigsten Ausrüstungsgegenstände: ein Ghettoblaster.
Musik an, Lautstärke hoch – und plötzlich wurde das laufende Halbfinale von den Spielerinnen auf der Tribüne beschallt. Sie sangen, tanzten und feuerten die Mannschaften an. Wo vorher eine kleine Gruppe Zuschauer ziemlich verloren auf einer großen Tribüne gesessen hatte, war plötzlich Fußballfest.
Dafür brauchte es offenbar keine Tausenden Fans.

Seven Stars war an diesem Tag zu stark. Vor allem eine Spielerin bekamen meine neuen Fußballheldinnen nicht in den Griff: Nandinha. Sie erzielte alle drei Tore beim 3:0 und schoss Seven Stars damit ins Finale.
Ich war tatsächlich enttäuscht.
Was einigermaßen erstaunlich war. Ein paar Tage zuvor hatte ich nicht einmal gewusst, dass es diesen Verein gibt. Jetzt saß ich in Espargos und ärgerte mich über drei Gegentore einer Mannschaft aus São Vicente, deren Spielerinnen wiederum keine Ahnung hatten, dass ich überhaupt existierte.
Fußball kann sehr schnell gehen.
Zwei Würste und fünf Tage Folgen
Irgendwann kam mein Freund mit etwas zu essen zurück. Zwei Würste für mich. Wo genau er die im Stadion aufgetrieben hatte, weiß ich bis heute nicht. Ich fragte auch nicht weiter nach.
Das war möglicherweise ein schwerer Fehler.
In der Nacht begann ich mich zu übergeben. Und zwar nicht ein bisschen. Ich erbrach mich im Strahl. Zwei lange Tage lang. Selbst drei Tage später lag ich noch den ganzen Tag im Bett.
Ob wirklich die Würste schuld waren, weiß ich bis heute nicht. Beweisen lässt sich das nicht. Aber der zeitliche Zusammenhang hat gereicht, um meine Begeisterung für kapverdische Stadionverpflegung nachhaltig zu dämpfen.
So endete mein erster Besuch bei „meiner“ Real Sociedade mit einer 0:3-Niederlage und fünf Tagen, in denen Fußball zeitweise nicht mehr mein dringendstes Problem war.
Bereut habe ich den Stadionbesuch trotzdem keine Minute.
Fußball schauen auf Sal – so geht es
Wer selbst einmal Fußball auf Sal erleben möchte, braucht vor allem aktuelle Informationen. Tickets sind normalerweise nicht das Problem. Herauszufinden, wann und wo gespielt wird, ist schon schwieriger.
Die beiden wichtigsten Spielstätten der Insel sind das Estádio Marcelo Leitão in Espargos und das Estádio Djidjuca in Santa Maria.
Profifußball nach europäischem Verständnis sollte man dabei nicht erwarten. Viele Spielerinnen und Spieler verdienen ihren Lebensunterhalt außerhalb des Fußballs. Weniger ernst genommen werden die Wettbewerbe deshalb nicht.
Für Besucher hat das sogar seinen Reiz: Man sitzt nah am Geschehen, braucht normalerweise keine lange im Voraus gekauften Tickets und erlebt einen Teil des kapverdischen Alltags, der nicht für Touristen inszeniert wird.
Drei Vereine, die man kennen sollte
Wer auf Sal Fußball schauen will, wird drei Namen besonders häufig hören: Palmeira, Académico do Aeroporto und Sport Clube Santa Maria.
Palmeira ist derzeit auch national erfolgreich. Académico do Aeroporto ist in Espargos zu Hause, der Sport Clube Santa Maria im Süden der Insel.
Mehr braucht der Urlauber zunächst eigentlich nicht zu wissen.
Wann und wo wird gespielt?
Das war bislang für Urlauber oft die schwierigste Frage. Termine werden von der regionalen Fußballvereinigung, kapverdischen Sportportalen und den Vereinen selbst veröffentlicht – häufig auch über Facebook.
Der Sal-Radar auf Sal-Daily hilft: Während der Saison veröffentlichen wir dort die anstehenden Spiele auf Sal mit Datum, Anstoßzeit und Stadion. Der Sal-Radar bündelt aktuelle Informationen, die für Alltag und Urlaub auf der Insel wichtig sind – von Flügen und Fähren über Wetter bis zu Strom- und Wasserversorgung. Künftig gehört auch Fußball dazu.
Für die Saison 2026/27 liegt Anfang Oktober noch kein verlässlicher Spielplan vor. Wir haben deshalb bei der Associação Regional de Futebol do Sal nachgefragt und ergänzen die Termine, sobald sie feststehen.
Wer also während seines Urlaubs einmal wissen möchte, ob irgendwo auf Sal Fußball gespielt wird, soll künftig nicht erst vor einem verrammelten Stadion einen Mann in gelber Weste suchen müssen.
Ein Blick in den Sal-Radar soll reichen.
Afrikas Fußballspitze auf Sal
Die CAF Strategy Conference findet vom 7. bis 9. Oktober 2026 in Santa Maria statt. Erwartet werden die Präsidenten der 54 afrikanischen Fußballverbände, Nationaltrainer und internationale Experten. Zu den prominenten Namen, die erwartet werden, gehören CAF-Präsident Patrice Motsepe, FIFA-Präsident Gianni Infantino und Arsène Wenger.
Und jetzt seid ihr dran
Warst du schon einmal bei einem Fußballspiel auf Sal? Welches Stadion, welcher Verein – und was ist dir besonders in Erinnerung geblieben? Schreib uns deine Geschichte in die Kommentare. Auch Hinweise, Fotos und eigene Erlebnisse rund um den Fußball auf Sal interessieren uns.
Quellen
- Confédération Africaine de Football (CAF): Strategy Conference 2026
- Inforpress: Frauen-Landesmeisterschaft 2025 und Halbfinale Seven Stars – Real Sociedade

